Avalon ruft – Wild Woman Bliss Tag 1
- Sandra Klein

- 7. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Ankommen
Eigentlich wollte ich dieses Reisetagebuch direkt in Avalon schreiben... Dieser Vorsatz hielt genau einen halben Tag lang.
Nicht, weil ich keine Zeit hatte. Also doch, irgendwie schon. Aber vor allem, weil ich gemerkt habe, dass ich die Reise gar nicht ständig durch durch mein Handy erleben wollte.
Ich wollte einfach da sein.
Deshalb schreibe ich alles jetzt, nachdem ich wieder zu Hause bin. Und ehrlich gesagt gefällt mir das sogar besser. Mit ein bisschen Abstand fallen einem plötzlich die kleinen Dinge wieder ein. Genau die, die man in dem Moment vielleicht gar nicht so wichtig fand und die sich später als die eigentlichen Schätze herausstellen.
Die Reise nach Avalon hatte ich schon vor längerer Zeit gebucht. Dass ich kurz vorher noch meine Ausbildung zur Hohepriesterin beginnen würde, war damals überhaupt nicht geplant. Im Nachhinein passt beides allerdings so perfekt zusammen, dass ich manchmal glaube, das Universum hatte mal wieder seinen eigenen Zeitplan...
Am 24. Juni ging es also los.
Morgens um sechs startete mein Flug von Berlin über Amsterdam nach Bristol.
Alles lief erstaunlich entspannt. Ich war alleine unterwegs, hatte zwar schon herausgesucht, wie ich mit dem Bus bis nach Glastonbury komme, aber ehrlich gesagt noch überhaupt keinen Plan, wie ich anschließend mit meinem Koffer zur Paddington Farm gelangen sollte.
Die Unterkunft lag mitten im Grünen und man musste vom Ort aus noch ein ganzes Stück bergauf laufen.
"Ach, wird sich schon ergeben."
Mit diesem Gedanken bin ich losgeflogen.
Und genauso kam es dann auch.
Von Bristol ging es zunächst mit dem Bus in die Innenstadt und von dort weiter nach Glastonbury. Irgendwann fiel mir auf, dass unser Busfahrer immer unruhiger wurde. Bei fast jeder Haltestelle stieg er aus, schaute vorne nach dem Motor und setzte sich kopfschüttelnd wieder ans Steuer.
Ein paar Minuten später hielt der Bus endgültig an.
„Tut mir leid", sagte er. „Der Bus überhitzt ständig. Das ist mir zu gefährlich. Ihr müsst leider aussteigen. Ich halte den nächsten Bus an, der nimmt euch mit."
Na super, dachte ich.
Heute weiß ich, dass genau dieser Moment vermutlich genauso sein sollte.
Als der nächste Bus kam und ich einstieg, fiel mein Blick sofort auf eine Frau.
Die kenne ich doch...
Ich ging einfach zu ihr und fragte:
„Bist du Shanti?"
Sie schaute mich an, lächelte und nickte.
„Ja."
In genau diesem Moment passierte etwas, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Uns gegenüber saß ein älterer Herr. Bestimmt über achtzig. Mit Gehstock.
Er stand sofort auf, lächelte uns an und sagte:
„Dann setzt euch doch zusammen. Ihr kennt euch doch."
So einfach.
So selbstverständlich.
So freundlich.
Im Nachhinein war das meine erste Begegnung mit der Herzlichkeit der Engländer. Und sie sollte definitiv nicht die letzte bleiben.
Gemeinsam fuhren wir weiter Richtung Glastonbury. Mit dabei war auch Kathrin, die zusammen mit Shanti mit dem Flixbus angereist war.
36 Stunden.
Allein bei der Vorstellung tat mir schon alles weh.
Als wir schließlich ankamen, war es noch zu früh, um auf die Paddington Farm zu fahren. Also schlossen wir unsere Koffer in einem Schließfach am Busbahnhof ein und machten uns erst einmal auf den Weg in die Stadt.
Und ich war sofort verliebt.
Nicht in einen Menschen.
In Glastonbury.
Ich glaube, ich hätte stundenlang einfach nur durch diese Straßen laufen können.
Überall kleine Läden mit Kristallen, Räucherwerk, Büchern, handgemachten Dingen, Hexenbedarf, Göttinnenfiguren, Klangschalen und allem, was mein Herz höherschlagen lässt.
Spiritualität wirkt hier überhaupt nicht außergewöhnlich.
Sie gehört einfach dazu.
Als wäre das die normalste Sache der Welt.
Wir landeten schließlich in einem kleinen Café mit einem wunderschönen Innenhof. Es gab sogar veganes Essen, was mich natürlich sofort glücklich machte. Während wir zusammen aßen, erzählten Shanti und Kathrin von ihrer Anreise. Nach 36 Stunden Flixbus konnte ich gut verstehen, dass die beiden ziemlich erledigt waren.
Deshalb beschloss ich anschließend, alleine noch ein bisschen durch die Stadt zu laufen.
Nicht lange.
Einfach nur schauen.
Ankommen.
Spüren.
Irgendwann traf ich die beiden zufällig wieder in einem Café.
Diesmal saß noch eine weitere Frau mit am Tisch.
Madhu.
Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass sie wenige Stunden später meine Zimmernachbarin werden würde.
Oder besser gesagt:
Meine Zimmergenossin.
Ganz ehrlich?
Vor der Reise war das tatsächlich einer der wenigen Punkte gewesen, bei denen ich dachte:
Hoffentlich klappt das.
Ich wohne seit Jahren alleine und bin eigentlich eher Team Einzelzimmer.
Dass ausgerechnet Madhu und ich später so viel zusammen lachen würden, hätte ich zu diesem Zeitpunkt niemals gedacht.
Gegen 16 Uhr holten wir unsere Koffer wieder ab.
Und dann begann der Aufstieg.
Ich hatte ehrlich gesagt fest damit gerechnet, dass wir uns einfach ein Taxi nehmen.
Taten wir nicht.
Also liefen wir.
Mit Koffern.
Bei über 30 Grad.
Bergauf.
Immer weiter bergauf.
Zwischendurch mussten wir immer wieder Pause machen.
Und obwohl ich innerlich ein paar Mal dachte: Warum machen wir das eigentlich?, war dieser Weg im Nachhinein genau richtig.
Denn genau dort fing Avalon für mich an.
Nicht am Tor.
Nicht bei einer Meditation.
Nicht während einer Zeremonie.
Sondern auf diesem Weg.
Zwischen uralten Bäumen.
Diesen riesigen freigelegten Wurzeln.
Dem satten Grün.
Und einer Ruhe, die ich schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Irgendwann tauchte die Paddington Farm vor uns auf.
Ein altes Bauernhaus.
Ganz schlicht.
Ganz einfach.
Und genau deshalb wunderschön.
Eveline begrüßte uns herzlich. Kurz darauf kam auch Anja dazu und nach und nach trafen die anderen Frauen ein.
Als wir unsere Zimmer bekamen, stellte sich heraus, dass Madhu und ich zusammen wohnen würden.
Ich musste innerlich schmunzeln.
Na gut.
Mal schauen.
Heute kann ich sagen:
Es hätte kaum besser laufen können.
Am Abend trafen wir uns zum ersten Mal im Frauenkreis.
Anja hatte in der Mitte einen kleinen Altar aufgebaut.
Eine Messingschale mit frischen Blumen.
Eine kleine Göttinnenfigur.
Und rundherum lagen Karten.
Alle umgedreht.
Ich weiß noch, dass ich die ganze Zeit dachte:
Die kenne ich gar nicht.
Erst später erzählte Shanti, dass es ihr eigenes Kartendeck war.
Nicht nur die Texte.
Auch alle Fotografien darauf hatte sie selbst gemacht.
Die Göttinnenfigur wurde von Frau zu Frau weitergereicht.
Jede erzählte, warum sie hier war.
Warum Avalon sie gerufen hatte.
Am Ende sagte jede Frau „A'MA" und wir antworteten gemeinsam ebenfalls mit „A'MA".
Es war kein großes Spektakel.
Keine aufwendige Zeremonie.
Und vielleicht war genau das so schön daran.
Bevor wir den Kreis beendeten, durfte jede von uns eine Karte ziehen.
Natürlich hatte ich sofort eine Lieblingskarte.
Natürlich zog sie Myriam direkt vor mir.
Ich musste lachen.
Na toll.
Shanti schaute mich an und sagte ganz ruhig:
„Dann schau doch mal, welche Karte stattdessen zu dir möchte."
Also zog ich noch einmal.
Diesmal hielt ich die Karte „Fliege" in der Hand.
Darauf war ein ausgebreiteter Flügel zu sehen, der von einer Hand gehalten wurde.
Im ersten Moment dachte ich natürlich an meinen Flug nach England.
Aber je länger ich die Karte betrachtete, desto mehr spürte ich, dass es eigentlich um etwas ganz anderes ging.
Loslassen.
Vertrauen.
Sich tragen lassen.
Auch dann, wenn man den Weg noch gar nicht kennt.
Als ich mit der Karte zurück zu meinem Platz ging, blieb mein Blick plötzlich an meinem Sitzkissen hängen.
Daraus schaute eine kleine weiße Feder hervor.
Sie war vorher nicht da.
Oder ich hatte sie einfach nicht gesehen.
Ich musste lächeln.
Wer mich kennt, weiß, welche Bedeutung Federn für mich haben.
Es war die erste weiße Feder, die mir auf dieser Reise begegnete.
Und irgendwie fühlte sie sich an wie ein stilles Willkommen.
Ob das Zufall war?
Keine Ahnung.
Für mich musste es keiner sein.
Später kochten wir gemeinsam unser erstes Abendessen.
Es wurde geschnippelt, gelacht und erzählt.
Langsam wurde aus zehn fremden Frauen eine Gemeinschaft.
Als Madhu und ich später auf unserem Zimmer lagen, erzählten wir uns noch lange aus unserem Leben.
Irgendwann wurde es still.
Ich weiß noch, dass ich kurz vor dem Einschlafen dachte:
"Wenn der erste Tag schon so beginnt... was wird dann wohl noch alles auf uns warten?"
Und ich sollte Recht behalten.
Denn das war erst der Anfang. 💛






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